2-3 Jahre Charakterstark Hilfe im Alltag Trotzphase

AUDI­ENZ BEIM ZWER­GEN­KÖ­NIG: TROTZ­AN­FALL KLAP­PE DIE II

By on 10. Oktober 2017

[4 Minu­ten — durch­schnitt­li­che Lese­zeit]

Mit unge­fähr 2,5 Jah­ren fing Vik­tor am Wochen­en­de nach dem Auf­wa­chen (Mit­tags­schlaf) fürch­ter­lich an zu Brül­len. Es war uner­träg­lich. Nichts und nie­mand hat­te für unge­fähr 30–50 Minu­ten eine Chan­ce ihn zu beru­hi­gen. Noch nicht ein­mal unlau­te­re Metho­den wie Süßig­kei­ten inter­es­sier­ten ihn. Im Gegen­teil: Wir hat­ten sogar das Gefühl, dass ihn die­ser Erpres­sungs­ver­such noch aggres­si­ver mach­te.

In den Arm neh­men war abso­lu­tes Tabu und ein Tob­suchts­an­fall auf dem Boden folg­te. Wir hat­ten teil­wei­se Angst, dass er sich ver­letz­te, so wild schlug er um sich. Man war in dem Augen­blick ein wenig dank­bar nicht gera­de an der Super­markt-Kas­se zu ste­hen. Denn bes­ser­wis­se­ri­sche Omis und ihre schlau­en Rat­schlä­ge liebt man in die­sen Momen­ten beson­ders.

Alle Ver­su­che schei­ter­ten kläg­lich

Nach­dem wir die ers­ten Male alles unter­nah­men die­sen Anfall zu beschwich­ti­gen und Vik­tor aus die­sem hys­te­ri­schen Wahn­sinn zu holen, lie­ßen wir ihn irgend­wann nur noch gewäh­ren. Es war sowie­so egal, denn es mach­te kei­nen Unter­schied.

Ich gebe zu, wir waren extrem ver­zwei­felt und rät­sel­ten über die Grün­de für die­se für uns uner­klär­li­chen Anfäl­le. Eini­ge davon waren, dass Vik­tor den Mit­tags­schlaf nicht mehr woll­te, der omi­nö­se Nacht­schreck sein Unwe­sen treibt (das pass­te aber nicht zu sei­nem Ver­hal­ten), unbe­grün­de­te Ängs­te oder er die­sen Wut­an­fall ein­fach benö­tigt, um sei­ne Gefüh­le zu kana­li­sie­ren.

Jedoch hät­ten wir viel lie­ber eine Lösung statt einer Erklä­rung gehabt. Denn ganz ehr­lich: So ein Wut­an­fall geht einem jedes Mal ganz schön an die Sub­stanz.

Wir recher­chier­ten und fan­den ledig­lich her­aus, dass das häu­fig in dem Alter vor­kommt und es aber irgend­wann von selbst auf­hört. Es kön­ne aber Mona­te dau­ern. Mona­te waren defi­ni­tiv kei­ne Opti­on. Das gab unser eher labi­les Ner­ven­kos­tüm lei­der nicht her.

Viel Lärm um Nichts?

Und aus dem Nichts hat­te Lisa an einem Sonn­tag eine Ein­ge­bung. Sie frag­te mich, ob wir Vik­tor mög­li­cher­wei­se respekt­los behan­deln, da wir ohne zu fra­gen plötz­lich im Dun­keln vor sei­nem Bett ste­hen und ihn raus­he­ben. Viel­leicht erschrickt er sich oder er ist noch gar nicht bereit und möch­te noch Zeit für sich.

Also klopf­te sie nach dem nächs­ten Mit­tags­schlaf vor­her an die Kin­der­zim­mer­tür und frag­te ganz lei­se und ruhig das schrei­en­de Unge­heu­er, ob sie rein­kom­men dür­fe. Dann fin­gier­te sie ein Gespräch mit Rudi, dem Kuschel­af­fen auf dem Sofa, dass nicht er, son­dern nur Vik­tor die Erlaub­nis geben dür­fe. Denn das sei ganz allei­ne sein Zim­mer und da darf nur Vik­tor ent­schei­den, wer rein­kom­men darf oder eben nicht. Alle müs­sen vor­ab klop­fen und fra­gen, ob es in Ord­nung ist, wenn man das Zim­mer betritt.

Der über­rasch­te Vik­tor saß etwas ver­dat­tert in sei­nem Bett und sag­te plötz­lich mit einem ganz bestimm­ten Ton zu dem Affen „Ja Rudi, Du darfst nie­man­den rein­las­sen. Nur ich. Das ist MEIN Zim­mer.“

Es gab danach vie­le Gesprä­che dar­über und wir übten gemein­sam: Alle (inklu­si­ve Kuschel­tie­re) muss­ten klop­fen und der Herr des Zim­mers (Vik­tor) ent­schied von sei­nem Thron (Bett) aus, wer eine Audi­enz bei ihm bekam oder vor der Tür blei­ben muss­te.

Seit­dem wird grund­sätz­lich ange­klopft. Auch wenn Vik­tor nachts ruft, wird vor­her ange­klopft und gefragt, ob man rein­kom­men darf. Sein Rufen/Schreien hört augen­blick­lich auf und er ant­wor­tet mit nor­ma­len Ton­fall „Ja, komm rein.“

Es gab vor­her Tage, an denen nur Lisa zu ihm gehen durf­te und ich wild­fuch­telnd aus dem Zim­mer raus­ge­scheucht wur­de. Seit­dem ich klop­fe, bin auch ich immer ein gern gese­he­ner Gast und darf genau wie Mama Mons­ter ver­scheu­chen oder bei einer Krank­heit Händ­chen hal­ten.

Und toi toi toi: Bis­her gibt es kei­nen unbe­grün­de­ten Wut­an­fall nach dem Mit­tags­schlaf mehr.

Nach­trag:

Eini­ge Wochen spä­ter gab es doch noch einen ähn­li­chen Wut­an­fall, als Vik­tor unbe­dingt ohne Schu­he in den Gar­ten woll­te. Und das, obwohl es bereits Ende Sep­tem­ber war und wirk­lich alles ande­re als som­mer­lich warm. Da er nicht frei­wil­lig auf mein Rufen rein­kom­men woll­te, pack­te ich ihn und setz­te ihn auf das Sofa ins Wohn­zim­mer. Und direkt ging der Alarm los. Er schrie sich der­ma­ßen in Rage, dass mir der Schweiß von der Stirn tropf­te.

Und nach eini­ger Zeit wur­de mir klar, was ich falsch gemacht hat­te: Wie­der mal hat­te ich respekt­los sei­ne Gren­ze über­schrit­ten. Wie wür­de ich mich füh­len, wenn Lisa mich abends vom Han­dy weg­rei­ßen wür­de, nur weil sie mein ver­meint­lich Bes­tes möch­te und sie auf die natür­lich wich­ti­ge „Fami­ly­ti­me“ bestehen wür­de?! Ich wäre wohl stink­sauer und wür­de ihr sagen, dass ich das respekt­los von ihr fin­de. Denn ich sehe es zwar ein, doch hät­te ich es ger­ne selbst erle­digt. Zudem hät­te sie mir zumin­dest eine Vor­war­nung inklu­si­ve 5 Minu­ten Reak­ti­ons­zeit geben müs­sen.

Ich hat­te Vik­tor (weil ich es konn­te) ein­fach hoch­ge­ho­ben — ohne es ihm vor­her anzu­kün­di­gen. Hät­te er die Wahl gehabt, wäre es sei­ne Ent­schei­dung gewe­sen, ob er mei­ne Dro­hung in Kauf nimmt oder selbst den Weg ins Haus fin­det.

Nach­dem er sich beru­higt hat­te, kam übri­gens auch raus, war­um er ohne Schu­he raus­ge­gan­gen ist: „Ich habe gedacht, wenn ich bar­fuß raus­ge­he, kommt der Som­mer wie­der.“ #Wis­hI­WasT­wo­Again

Bild­nach­weis: Flickr | Roaring Lion | Tam­ba­ko The Jagu­ar
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